Als Frauen noch „Bürojungen“ waren

Landtagsabgeordnete Klaff-Isselmann besuchte gemeinsam mit der Arbeitsgruppe Wirtschaft und Beruf der Frauen Union Hessen die Ausstellung „VerSIErt“ bei Evonik in Darmstadt

„Meine Frau muss nicht arbeiten.“ Der das sagt, könnte es auch anders formulieren: „Ich verdiene genug.“ Ein toller Kerl – nur hoffnungslos aus der Zeit gefallen. Dass ein Beruf heute nicht mehr nur Broterwerb, sondern auch Identität, soziale Stellung und, nun ja, auch Selbstverwirklichung bedeutet, hat sich leider immer noch nicht überall herumgesprochen. Die letzten Dinosaurier des Macho-Zeitalters würden vermutlich auch keinen Schritt in die Wanderausstellung „VerSIErt“ setzen, die jetzt bei Evonik in Darmstadt zu sehen war. Vertreterinnen des Arbeitskreises „Wirtschaft und Beruf“ der Frauen-Union Hessen ließen sich gemeinsam mit der Darmstädter CDU-Landtagsabgeordneten Irmgard Klaff-Isselmann von Doris Eizenhoefer, stellvertretende Leiterin des Evonik-Konzernarchivs, und Sascha Görg, Leiter Standortkommunikation Evonik Darmstadt, durch die Ausstellung rund um „Frauen, die Geschichte bei Evonik machten“ führen.

Es ist fast auf den Tag genau 110 Jahre her, dass bei dem Chemieunternehmen die erste Frau ihren Arbeitsvertrag unterschrieb. Am 6. Juni 1906 wurde mit Else Aldendorf bei Th. Goldschmidt in Essen, einer der Vorgängergesellschaften von Evonik, erstmals eine Frau angestellt. Vier Jahre lang arbeitete sie als Sekretärin des Leiters der Patentabteilung, ehe sie das Unternehmen auf eigenen Wunsch wieder verließ. Die 1907 eingestellte Elisabeth Marczinowsky blieb dem Unternehmen deutlich länger treu, mindestens 15 Jahre lassen sich belegen. Sie arbeitete für den Firmenchef und später für dessen Sohn. Eigens für sie wurde eine neue, teure Schreibmaschine des US-amerikanischen Typs „Underwood No. 5“ angeschafft, damals das technische Nonplusultra. Die Investition war Ausdruck der großen Wertschätzung für die Arbeit einer Frau in der Verwaltung.

Doch wie überall in Deutschland nahm damit keineswegs das Erklimmen der „Karriereleiter“ seinen Lauf. Frauen – lange noch als „Bürojunge“ tituliert, weil niemand eine weibliche Variante für notwendig hielt – übernahmen klassische Unterstützungsarbeit, keine Führungsaufgaben. 24 Stehlen zeigten in der Ausstellung in Bild und Schrift Zeugnisse und Hindernisse, die Frauen in den Jahrzehnten zu bewältigen hatten. Und sie zeigten auch Dokumente des Aufbegehrens und des Ringens um den Wandel des Frauenbilds. „Wie alt muss man eigentlich sein, um hier als ‚Frau‘ arbeiten zu dürfen und nicht nur als ‚Fräulein‘?“, muckte im Nachkriegsdeutschland eine Angestellte in einem Schreiben an die Geschäftsleitung auf. Ein heute kaum noch nachzuvollziehender Konflikt.

Ausgerechnet den beiden großen Kriegen des 20. Jahrhunderts ist es zu „verdanken“, dass es in dieser Zeit zu regelrechten Beschäftigungswellen von Frauen kam, etwa bei Degussa, ebenfalls eine der Evonik-Vorgängergesellschaften. Viele an der Front stehende Männer mussten hauptsächlich durch ihre Ehefrauen, Schwestern oder Töchter ersetzt werden. Als dann der „Männermangel“ wieder abebbte, kehrten auch viele Frauen an Heim und Herd zurück.

Evonik ist das erste Chemieunternehmen im deutschsprachigen Raum, das sich in einer Ausstellung so engagiert mit der Entwicklung der Beschäftigung von Frauen im eigenen Unternehmen beschäftigt und die historischen Hintergründe aufzeigt. Konzipiert und zusammengestellt wurde die Schau vom Konzernarchiv. „Die Berufstätigkeit von Frauen ist immer auch ein Abbild der jeweils gültigen gesellschaftlichen Konventionen. Sie ist geprägt von Brüchen und Kämpfen. Unsere Ausstellung macht dies deutlich. Sie zeigt, welche Tätigkeiten Frauen ausübten, welche Karrieren ihnen möglich waren und welche Hindernisse sie überwinden mussten“ sagt Doris Eizenhoefer, stellvertretende Leiterin des Evonik-Konzernarchivs.

Heute, 110 Jahre später, ist das Beispiel der Else Aldendorf natürlich längst kein Einzelfall mehr. Auf allen Ebenen sind bei Evonik Frauen beschäftigt und stellen rund ein Viertel der Belegschaft. Sie tragen Verantwortung an wichtigen Stellen des Unternehmens – auch ganz oben: Mit Ute Wolf wurde im Oktober 2013 die erste Frau in den Vorstand berufen.

„Wir müssen den Frauen, die für uns die ersten Schritte hin zur Gleichberechtigung getan haben, dankbar sein“, so die CDU-Landtagsabgeordnete Irmgard Klaff-Isselmann. „Es hat natürlich deutliche Fortschritte für Beschäftigung und Bezahlung von Frauen gegeben, aber es gibt immer noch viel zu tun.“ Und die Verantwortung dafür will Srita Heide, Vorstandsmitglied der FU-Hessen, nicht allein „der Gesellschaft“ zugestehen, sondern auch den Frauen selbst: „Viel zu oft ergeben wir uns immer noch den alten Rollenmuster. Es liegt an uns, zu sagen: ‚Ich muss nicht arbeiten – aber ich will“.

Vorheriger Beitrag Nächster Beitrag